Flüchtet, die Helfer kommen!

 

 

Jeder Mensch ist bedürftig;
benötigt er deshalb aber
schon unsere Hilfe?

Georg R. Treipl, 2010

 

Vorwort – Einleitung

Erneut ging diese Woche ein ambitionierter Hilfsaufruf als Email zur Beteiligung der mentalen Erdrettung wegen der Erdölkatastrophe im Golf von Mexiko ein. Zwei Wochen vorher war es ein Aufruf zur Rettung der Delphine, die in Japan jährlich – ebenso wie in Dänemark – als quasi Initiationsritus für irgendwas abgeschlachtet werden. Davor war es ein Kettenbrief, der einen an Knochenkrebs erkrankten jungen Mann frei Haus lieferte, dem zu helfen – am besten mit Geldspenden für die anstehende lebensrettende Operation – Gebot der Stunde war.
  Jedes mal wenn ein Hilfsaufruf hereingeflattert kommt stellt es mir die Haare auf. Sicherlich besteht ein qualitativer Unterschied zwischen persönlichen Hilfsaufrufen zur Beteiligung an Geldwaschaktionen mit garantierter Gewinnbeteiligung von 50 Prozent und einem Koma-Patienten dem die lebenserhaltenden Systeme nach 20 Jahren Siechtums abgestellt werden sollen. Zunächst stellt sich aber doch einmal die unmittelbare Frage: kann ich helfen? Sodann darf ich helfen? Und nicht zuletzt - will ich das überhaupt?
  So wie nicht jeder Mensch Mechaniker als Berufswunsch wählt, oder Arzt, oder Polizist, oder sonst irgend etwas, kann nicht jeder Mensch gleichermaßen überall helfen.

Sie halten das für extrem? Für unhaltbar und unmenschlich? In Mitteleuropa gilt im Straßenverkehr seit vielen Jahren die verbindliche Hilfspflicht bei Verkehrsunfällen. Dieses schöne Gesetz hatte bislang zur Folge, dass alleine durch unsachgemäße
und überstürzte erste Hilfe mehr Verunfallte ins Jenseits befördert wurden als durch Hilfsverweigerung, oder aber als schwerst Behinderte ein unverhofft anspruchsvolles Leben zu leben haben. Dank des Gesetzgebers. Dank falschen Ehrgeizes der selbsternannten Helfer.
  Nicht umsonst lautete der Grundsatz eines bekannten Intensivmediziners bei Erste Hilfe-Kursen stets: Wer zu einem Unfall als erster hinzukommt, den trifft zwar formal die Erste Hilfe-Pflicht, doch der möge zu Beginn beide Hände in die Hosensäcke vergraben und zuerst einmal überlegen, bevor er Hilfe zu leisten beabsichtigt. Gar nicht so wenige potentielle Helfer sind von dem unverhofften Anblick geschockt, angeekelt, gelähmt, werden selbst zu Hilfsfällen. Würden Sie sich von solchen Mitmenschen in so einer Unfallsituation tatsächlich helfen lassen wollen?
  Nun ist das nur ein Trivialbeispiel dem Alltag entnommen. Hilfestellungen gibt es für viele Anlässe und aus vielerlei Gründen. Warum einem ein Hilfeansuchen suspekt erscheinen kann wird nachfolgend eingehend untersucht und hinterfragt.
Dabei bleibt diese Publikation gerade mal ein Themenanriss, der bislang allgemein vermiedene Fragen stellt – sie zur Diskussion anbietet.
  Aus einleuchtenden Gründen wird hier aber von detailierten Namensnennungen und exakten Protokollinhalten Abstand genommen: Die Hilfsindustrie ist in ihrer Zensur solcher Thematisierungen ebensowenig zimperlich wie vergleichsweise die Camorra oder das Drogenkartell.

 

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