Ein kurzer Abriss zur Entwicklungsgeschichte der Idiotie

 

Gesegnet seien jene,
die nichts zu sagen haben
und trotzdem den Mund halten.

Oscar Wilde

 

Einleitung

Nachfolgender OpenEnd-Aufsatz beleuchtet einen Abgrund des menschlichen Dramas, der sowohl wesentlich mitverantwortlich zu machen ist für das heutige Desaster in Wirtschaft, Religion, Kultur und Politik, andererseits aber selbst Auslöser war und immer wiederum ist: die Idiotie.1

1 Jared Diamond gibt im Anhang zu seiner Publikation „Kollaps“ (ISBN-13:978-3-596-16730-2) weiterführende Hinweise, insbesondere Barbara Tuchman, Die Torheiten der Regierenden: von Troja bis Vietnam, noch mehr aber Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds von Charles Mackay (New York, Barnes & Noble 1993, Nachdruck der Originalausgabe von 1852). In letzterem werden noch mehr törichte Entscheidungen wie etwa die Südseeverrücktheit der Engländer im 18. Jahrhundert, der niederländische Tulpenwahn im 17. Jahrhundert, Prophezeiungen über das Jüngste Gericht, die Kreuzzüge, Hexenverfolgung, den Glauben an Geister und Reliquien, Duelle und königliche Erlasse über Haarlängen, Vollbärte und Schnauzbärte abgehandelt.

Unter Wikipedia ist nachzulesen: Der Idiot (von griechisch iδιότης (idiótes) „Privatperson“ „Eigentümlichkeit“, „Eigenart“; latinisiert idiōta „Laie“, „Pfuscher“, „Stümper“, „unwissender Mensch“) war in der griechischen Antike ein Mensch, der Privates nicht von Öffentlichem trennte (wie Handwerker und Händler) oder aber jemand, dem das Politische untersagt war (wie Frauen und Sklaven). Der politische Raum stand synonym für den Begriff der Öffentlichkeit. Wer private Angelegenheiten nicht im eigenen Haushalt („oikos“) verbarg oder nicht als geeignet für das öffentliche Leben angesehen war (siehe oben), wurde als „idiotes“ (Privatperson) bezeichnet.

Später wurde der Begriff allgemein auf Laien oder Personen mit einem geringen Bildungsgrad angewandt.

Nikolaus von Kues (Cusanus) lässt in einigen seiner späteren Schriften eine idiota genannte Hauptfigur, die als Laie bzw. Nicht-Spezialist gekennzeichnet wird, die eigentliche im Text entwickelte Position vortragen, teilweise im Gespräch mit unterschiedlichen Gelehrten. Ähnlich wie andere Renaissance-Theoretiker wendet sich Cusanus damit implizit, andernorts auch ganz explizit, gegen die theoretischen Spitzfindigkeiten scholastischer Spezialisten: "A dialecticis libera nos, Domine" - "Befreie uns, Herr, von den Dialektikern" heißt es in seiner Verteidigungsschrift von De docta ignorantia).

Erst in neuerer Zeit wird der Begriff „Idiot“ als Schimpfwort benutzt, synonym zu „Dummkopf“, „Depp“, „Schwachkopf“ und „Narr“, um einen als töricht betrachteten Menschen abwertend zu bezeichnen.

In der Medizin ist der Begriff „Idiot“ (bzw. Idiotie) als Bezeichnung für einen geistig behinderten Menschen mit einem Intelligenzquotienten unter 20 heute vollständig verschwunden. Zitatende -.

 

Die Diagnose steht zu Beginn

Es handelt sich dabei um eine letztlich irrationale Verhaltensweise, die sich im regierenden/herrschenden UND im regierten/beherrschten Teil der Bevölkerung zeigt.
  Ergo: Wir haben damit erneut die antike Fassung von Idiot vorliegen, indem wir intimste Sachen öffentlich machen und öffentliche Belange als Staatsgeheimnisse qualifizieren. Oder aber altgediente Begriffe mit diametralen Inhalten füllen aus Gründen der Machterhaltung einerseits und Desorientierung andererseits.

Unter welchen Voraussetzungen tritt dieses Phänomen vermehrt wahrscheinlich auf?
  Idiotie tritt dann ein, wenn es zumindest teilweise zu einer überoptimalen Lebensqualität kommt. Sie äußert sich in der vermehrten Nichtentscheidung in einer Richtung – der Option – die von den Gegenmenschen (= Gegenteil zum Mitmenschen) strategisch genutzt werden. Die optionelle Realität entspricht den „Schnitzler´schen Schwebewelten“© (Arthur Schnitzler, Wien, 1862 - 1931. Österreichischer Erzähler und Dramatiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne2). In früheren Zeiten wurde anstelle des Begriffs „Option“, „Zögern“ verwendet. Die Auswirkungen sind jedenfalls identisch, indem durch eine Nichtentscheidung in einem wesentlichen Zeitpunkt eine außerhalb liegende Entscheidung ausgelöst, provoziert wird.

2 Schnitzler´sche Schwebewelt: wenn in einer allgemein kritischen Phase mit überspitzter Lebenslust, positivem Denken, oder schlichter Negation des Problems reagiert wird, nur nicht mit dem was unmittelbar anstünde: der Lösung des eigentlichen Problems. Der optionelle Typus hat keine eigene Meinung und glänzt durch zweckorientierte Opportunität (= „Canellonitypus“ -> leeres Teigröllchen, beliebig befüllbar).

Dabei genügt es - unter anderem - Fehlinformationen jeglicher Art nur überzeugend genug, mit Nachdruck und ständig erneut zu wiederholen.

Man spricht in solchen Fällen von Wahrheitsvermeidung, da die Recherche, die Suche nach der Wahrheit mit einem Mehraufwand verbunden ist, oder aber als bewusster Vorsatz ignoriert wird, oder das persönliche Vorstellungsvermögen gänzlich überfordert. Halbwahrheiten und Unsinn werden so zum gewohnten Experten-Alltag dem wir ausgesetzt sind.- "Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt explodiert, wird die Stimme eines Experten sein, der sagt: Das ist technisch unmöglich!"

Sir Peter Ustinov

Idiotie funktioniert in alle Richtungen. Es stellt sohin auch, aber nicht nur, eine Form von Massensuggestion dar, die jedem Hausverstand, Intellekt, sowie realen Erfahrungswerten Hohn spricht. Das Oxymoron, - der Widerspruch in sich selbst - wird dabei zur alleinig geltenden Realität erhoben, wie beispielsweise Finanzlöcher mit neuen Krediten stopfen zu wollen, die Existenz von „ein bißchen schwanger“, die Notwendigkeit von Dieben und Wegelagerern plausibel zu machen, ein „X für ein U“ vorzumachen, mittels Kriegsführung den Frieden bringen zu wollen, ewiges Wirtschaftswachstum als unabdingbare Notwendigkeit zu propagieren, die Erbschuld als Lebenslustbremse, etc.- Die Idiotie wie sie hier angesprochen wird, kann als Indikator für eine Gesellschaft verstanden werden, die sich in gradueller Auflösung befindet, da sie sich in ihrer Entwicklung vom Optimal- zum Maximalpunkt befindet3.

3 ein dissoziativer Prozess, der sich, je weiter die Annäherung an den Maximalwert erfolgt, auf biologischem Wege auflöst (= Tod). Vermutlich ein Regelkreis Gaias, um bleibende Schäden an dieser Erde abzuwenden.

 

Einige exemplarische Beispiele und Wortmeldungen

Oder wie es Andreas Tögel in seinem Beitrag in ef-online (ef = eigentümlich frei) vom 9. 2. 2010 ausdrückt: „Wer sehenden Auges jedes erdenkliche Register zieht, um das Funktionieren unserer Gesellschaft zu (zer-) stören, in zynischer Weise Krieg zu Frieden, Lüge zu Wahrheit und Eigentum zu Diebstahl umwertet, der ist längst vom pragmatischen Funktionalisten zum ideologischen Täter mutiert.“4
  Warum es Mitmenschen gibt, die diese Entwicklung rechtzeitig erkennen, benennen und Reaktionen setzen, oder deren Anteil in solchen Gemengen – bleibt einer anderen Befassung überlassen.-

4 Einige Gedanken zum Thema Sicherheit: Täter haben mehr vom Leben - Über private und institutionelle Kriminelle. ef-online (eigentümlich frei)

"Benötigt man aus verständlichem Grunde einen Lehrgang samt schlussendlicher Prüfung für die Erlangung der Lenkerberechtigung, gibt es heute für nahezu alle Lebensbereiche Leistungsnachweismöglichkeiten, die die Grenzen des guten Geschmacks schon lange hinter sich ließen. Das ist aber nur deshalb möglich, als das gesunde Selbstbewusstsein und eng verknüpft damit das Selbstvertrauen nur noch ausnahmsweise anzutreffen sind. Es hat gelegentlich sogar schon den Anschein, als ob wir nur noch mit einem obrigkeitlichen Gütesiegel unsere Leistungen anzubieten gewillt sind. Simplifiziert könnte auch von einer zunehmenden kollektiven Wertschätzung der Idiotie gesprochen werden. Zweifelsohne ein weiteres hoch interessantes Paradoxon menschlicher Entwicklung!" – Georg von Slowdown 2002.

1 Jared Diamond gibt im Anhang zu seiner Publikation „Kollaps“ (ISBN-13:978-3-596-16730-2) weiterführende Hinweise, insbesondere Barbara Tuchman, Die Torheiten der Regierenden: von Troja bis Vietnam, noch mehr aber Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds von Charles Mackay (New York, Barnes & Noble 1993, Nachdruck der Originalausgabe von 1852). In letzterem werden noch mehr törichte Entscheidungen wie etwa die Südseeverrücktheit der Engländer im 18. Jahrhundert, der niederländische Tulpenwahn im 17. Jahrhundert, Prophezeiungen über das Jüngste Gericht, die Kreuzzüge, Hexenverfolgung, den Glauben an Geister und Reliquien, Duelle und königliche Erlasse über Haarlängen, Vollbärte und Schnauzbärte abgehandelt.

2 Schnitzler´sche Schwebewelt: wenn in einer allgemein kritischen Phase mit überspitzter Lebenslust, positivem Denken, oder schlichter Negation des Problems reagiert wird, nur nicht mit dem was unmittelbar anstünde: der Lösung des eigentlichen Problems. Der optionelle Typus hat keine eigene Meinung und glänzt durch zweckorientierte Opportunität (= „Canellonitypus“ -> leeres Teigröllchen, beliebig befüllbar).

3 = ein dissoziativer Prozess, der sich, je weiter die Annäherung an den Maximalwert erfolgt, auf biologischem Wege auflöst (= Tod). Vermutlich ein Regelkreis Gaias, um bleibende Schäden an dieser Erde abzuwenden.

4 Einige Gedanken zum Thema Sicherheit: Täter haben mehr vom Leben - Über private und institutionelle Kriminelle. ef-online (eigentümlich frei)

 

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